Passend zum Thema unseres diesjährigen Fachtags hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) im August eine Studie zum Stand der Arbeitsmarktintegration von seit 2015 nach Deutschland geflüchteten Menschen veröffentlicht. Das Ergebnis: 10 Jahre nach dem Zuzug ist der weit überwiegende Teil der Geflüchteten erwerbstätig – die Beschäftigungsquoten entsprechen mittlerweile sogar annähernd dem Bevölkerungsdurchschnitt.
Steigende Erwerbs- und Beschäftigungsquote
Laut dem IAB lag die Quote der abhängig Beschäftigten unter den 2015 zugezogenen Geflüchteten im Jahr 2024 bei 64 Prozent und damit nur noch geringfügig unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt von 70 Prozent. Ein Jahr nach dem Zuzug hatte die Beschäftigungsquote noch bei rund zehn Prozent gelegen. Darüber hinaus gingen bereits im Jahr 2023 weitere fünf Prozent der Geflüchteten einer selbständigen Erwerbstätigkeit nach. Der Trend bei der Arbeitsmarktintegration also eindeutig positiv.
Auch die die Vergütungen steigen mit zunehmender Aufenthaltsdauer. Die mittleren Monatsverdienste (Median) von Vollzeitbeschäftigten lagen im ersten Jahr nach dem Zuzug bei 1.398 Euro und erreichten 2023 2.675 Euro. Damit erreichten die vollzeitbeschäftigten Geflüchteten acht Jahre nach ihrer Ankunft 70 Prozent der mittleren Verdienste aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland – dies verdeutlicht auch, dass nach wie vor viele Geflüchtete im Niedriglohnbereich beschäftigt sind.
Deutliche Geschlechtsunterschiede
Die Geschlechtsunterschiede bei den Beschäftigungsquoten sind jedoch gravierend. Während die Quote bei geflüchteten Männern mit 76 Prozent sogar über dem Gesamtbevölkerungsschnitt (72 %) liegt, befindet sich die Quote von geflüchteten Frauen (35 %) deutlich darunter (69 %). Die Gründe sind vielfältig und hinlänglich bekannt: eine stärkere Belastung durch Kinderbetreuungsaufgaben, oft geringere Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse bei einer gleichzeitig höheren Konzentration auf reglementierte Berufe sowie oft spätere Teilnahmen an Deutschkursen. Geschlechtsspezifische Einstellungen und Rollenbilder haben hingegen keine nachgewiesen signifikanten Effekte auf die Erwerbsbeteiligung.
In der Aktivierung der ungenutzten Potenziale von geflüchteten Frauen liegen die größten Wachstumschancen für die noch stärkere Arbeitsmarktbeteiligung von Geflüchteten.
Engpassberufe und systemrelevante Bereiche
Gerade in Engpassberufen und in systemrelevanten Bereichen sind den Angaben der Forschenden zufolge Geflüchtete heute schon nicht mehr wegzudenken (vgl. auch die Studie der Friedrich Ebert Stiftung aus dem Jahr 2021). 2023 übten 61 Prozent der geflüchteten Frauen und 59 Prozent der Männer sieben bis acht Jahre nach dem Zuzug „systemrelevante“, also für die Aufrechterhaltung zentraler Infrastrukturaufgaben wichtige Berufe aus. Zeitgleich waren mit 33 Prozent der Frauen und 26 Prozent der Männer überdurchschnittlich viele Geflüchtete in Engpassberufen tätig. Also in Berufen, in denen eine hohe Arbeitskräftenachfrage auf ein vergleichsweise geringes Arbeitskräfteangebot trifft.
Gute Deutschkenntnisse als Gelingensfaktor
Unter den Schlüsselkriterien, die für eine frühzeitige und nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt wichtig sind, kommt laut den Forschenden – neben anderen Faktoren, wie dem Bildungsniveau, der Wohnsituation oder dem Ausgang des Asylverfahrens – insbesondere guten Deutschkenntnissen eine besondere Bedeutung zu. So erhöhten gute oder sehr gute Deutschkenntnisse sowohl die Erwerbstätigkeitswahrscheinlichkeit als auch den Verdienst jeweils um rund sieben Prozent. Ein eindeutiger Hinweis auf die Notwendigkeit einer frühzeitigen und zielgerichteten Deutschförderung.
Negativer Einfluss von Wohnsitzauflagen
Wohnsitzauflagen bescheinigt das IAB hingegen – wie auch schon in früheren Untersuchungen – einen signifikant negativen Einfluss auf die Arbeitsmarktintegration: im Vergleich zu Personen, die keiner Wohnsitzauflage unterliegen, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit Personen mit auf Auflagen auf Länderebene um 5 Prozent und der Verdienst um zehn Prozent. Bei Auflagen auf Kreis- oder Ortsebene sind die negativen Auswirkungen sogar noch größer (minus acht Prozent bzw. minus 16 Prozent). Diese Ergebnisse sind von besonderer Relevanz, da der Anstieg der regionalen Arbeitslosenquote überproportional hohe Auswirkungen auf die Beschäftigungsquote von Geflüchteten hat. Die Arbeitsmarktlage vor Ort hat somit erheblichen Einfluss auf die Integrationsperspektiven.
Wenig überraschend verzeichnen wirtschaftlich starke Bundesländer, wie z.B. Baden-Württemberg (66 %), in den vergangenen Jahren deutliche höhere mittlere Beschäftigungsquoten als „ärmere“ Länder, wie z.B. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt (49 Prozent, aus statistischen Gründen wurden einzelne Bundesländer zusammengefasst). Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein liegen zusammen im Ländervergleich mit ca. 51 Prozent im unteren Drittel.
Insgesamt bewerten die Studien-Autor*innen die Arbeitsmarktentwicklung seit 2015 positiv. Aufgrund diverser Belastungen für geflüchtete Menschen (u.a. bedingt durch teils traumatische Fluchterfahrungen, Schwierigkeiten bei der Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen sowie unklaren Bleibeperspektiven) sei diese Entwicklung nicht unbedingt zu erwarten gewesen.
Integration sei somit also machbar — wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Entscheidend seien ein zügiger Abschluss der Asylverfahren, sichere Bleibeperspektiven, Zugang zu Sprach- und Fördermaßnahmen, individuelle Beratung sowie eine freie Wahl von Wohn- und Arbeitsort.
Grundlage der Untersuchung waren Daten aus der IAB-BAMF-SOEP-Langzeitbefragung von Geflüchteten in Verknüpfung mit der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit.
